freiwilligennotstand: wie digitalsemester ehrenamtliche hochschulstrukturen schwächen

ein beitrag aus ausgabe 4
vom 11.07.2021
Verfasst von Simon Pycha
Together is the way (Margarida Afonso)

Das studentische Leben wurde durch die Corona-Pandemie in den Grundfesten erschüttert. Seit dem ersten Lockdown sitzen Betroffene tagtäglich vor den immer gleichen Bildschirmen, um den nötigen Lernstoff in den eigenen vier Wänden zu verinnerlichen. Während die allgemein-gesellschaftliche Lage omnipräsent in Politik und Medien diskutiert wurde, scheint die Situation der Studierenden jedoch seit Beginn der Pandemie in den Hintergrund der Berichterstattung zu rutschen. „Es wurde sehr viel von Bildung gesprochen, doch Universitäten und Hochschulen kamen dabei sehr wenig vor“, so Linus Mach, Vorstand des AStA der Universität Münster im Morgenmagazin der ARD.

Wer sich noch zurückerinnert, weiß, dass der digitale Hochschulbetrieb seit dem ersten Tag glücklicherweise (mehr oder weniger) reibungslos aufgenommen werden konnte. Das Fortbestehen der Bildungseinrichtung ist jedoch viel mehr als das Vermitteln von Wissen: Neben Vorlesungen und Notenvergaben arbeiten viele Studierende in verschiedenen Gremien der Hochschulverwaltung, besetzen ehrenamtliche Initiativen und beleben gemeinsam das studentische Miteinander. Mit der Verlagerung des Studiums in den ausschließlich privaten Raum ergibt sich hier jedoch ein zentrales Problem: Wie sollen Ehrenämter in digitalen Pandemie-Zeiten fortgeführt oder besetzt werden?

Ein Engagement: Der Ist-Zustand an der TH Köln

Eine Online-Umfrage der Universität Marburg unter den eigenen Studierenden (n=530) ergab, dass 20,4% ehrenamtliche Tätigkeiten innerhalb des universitären Umfelds ausüben. Übertragen auf die offiziell 27.000 angehenden Akademikerinnen und Akademiker der Technischen Hochschule Köln wären dies in etwa 5.500 Menschen. (Natürlich nimmt nicht jede eingeschriebene Person das Hochschulangebot wahr, so liegt die tatsächliche Anzahl an aktiven Studierenden weit darunter.)

Wahlzettel, Mika Baumeister

Was auf den ersten Blick dennoch als eine hohe Summe erscheint, sieht in der Realität anders aus: Leere Fachschaftslisten (IWS, sowie fünf Mehrheitswahlen) zieren die Stimmzettel der letzten Wahlen. Dazu schrumpft die Anzahl an Kandidierenden für das Studierendenparlament seit 2018 stetig (2018: 49, 2019: 40 2021: 38 Kandidatinnen und Kandidaten). Bis kurz vor dem Wahltermin im aktuellen Sommersemester 2021 war gar nicht klar, ob es genug Anwärter:innen gibt, um die Stimmabgabe überhaupt durchführen zu können. Abgerundet werden diese außerordentlichen Zustände nur noch durch die niedrige Wahlbeteiligung von 1,87% der Studierendenschaft mit insgesamt 443 abgegebenen Stimmen. (Im Vergleich – Präsenz-Wahl 2019: 8,52%)

Ähnlich schleppend läuft die typische Suche nach passenden Besetzungen für Gremienpositionen innerhalb verschiedener Hochschul-Bereiche ab. Einige Beispiele: Zeitweise wurde eine Nachfolge des KSTW-Sitzes auf Seiten der TH gesucht. Die Besetzungsanfragen wurden jedoch nur intern kommuniziert, zuständige Gremien versäumten die Verbreitung der Ausschreibung in die Studierendenschaft. Die Folge der schwachen Kommunikationsstruktur mit möglicher Nicht-Besetzung wäre, den Anspruch auf ebenjene Rat-Position unter den Kölner Bildungsstätten im Studierendenwerk zu verlieren. Ein weiteres Debakel ist die lang ausstehende Besetzung des Wahlausschusses, die bis kurz vor der Durchführung ebenjene Wahlen kippen und damit weiter hinauszögern hätten können. Es zeigt sich: Die fehlende Struktur in Pandemie-Zeiten ist der Auslöser dafür, dass sich die Situation rund um Ehrenämter verstärkt zuspitzt.

Des Pudels Kern

Der Hauptgrund für die schwierige Instandhaltung und Akquise von ehrenamtswilligen Personen ist dabei eindeutig die starke Ausrichtung auf Kontakt im Präsenz-Hochschulbetrieb. Die Kritik gilt hier nicht der absolut berechtigten Isolations-Politik, sondern viel mehr den fehlenden digitalen Lösungen und Anpassung der Strukturen im Bereich der Ehrenamts-Verwaltung. Dazu kommen die wenigen Kontaktmöglichkeiten und der schwierige Anschluss an bereitwillige Studierende. Denn im Gegensatz zu bereits bestehenden digitalen Lern-Plattformen war Freiwilligenarbeit nie auf den kurzfristigen Umschwung zur Online-Präsenz vorbereitet. Die Folge: Seit drei Digitalsemestern besetzen meist dieselben Personen die Ehrenamtspositionen an Hochschulen und Universitäten in Deutschland. Die einzige Lösung ist oftmals Vitamin B – „Ich kenne da jemanden, der:die es machen würde“. Problematisch wird die Situation vor allem dann, wenn die Anzahl an Abgängen nicht durch neue, motivierte Personen aufgewogen werden kann. Stattdessen kompensieren die verbleibenden Freiwilligen oftmals nur noch mehr hochschulinterne Stellen, um die offenen Bereiche irgendwie schließen zu können – alles zum Wohle der Studierenden.

Wo bleibt der Nachwuchs?

Unter allen teilnehmenden Kandidierenden für die Studierendenparlamentswahlen befindet sich kaum eine Person in den ersten Studiensemestern. Wie denn auch? Für die Listen-Teilnahme an der Wahl müssen mindestens 26 Unterstützungsstimmen gefunden werden, die für die hochschulpolitische Karriere der jeweiligen Person bürgen und dies mit ihrem Namen unterschreiben. Studienanfänger:innen, die seit Beginn nur auf digitalem Wege zugeschaltet wurden, haben meist gar nicht das Netzwerk, das eine potenzielle Wahl ermöglichen würde. Damit werden Hochschulverwaltung und Gremienarbeit folglich wieder einmal in die Hände der altbekannten Besetzung gegeben. Die derzeitigen Strukturen mit Bezug auf Präsenzzeiten lassen einen ausgeglichenen Austausch verschiedener Semester systematisch gar nicht zu.

Aber nicht nur die schwächelnde Anpassung an Digitalsemester erschwert die Ehrenamtsvermittlung, gerade das Wegfallen von Präsenzveranstaltungen lassen Positionen im Freiwilligenbereich weniger attraktiv wirken – wenn man überhaupt etwas von ihnen mitbekommt. Viele Erstsemester können Notwendigkeit, Möglichkeiten oder die händeringende Suche nach Besetzung an Ehrenamtstätigkeiten gar nicht greifen: zu Hause bekommen sie davon kaum etwas mit oder können sich von der Arbeit nur schwer etwas vorstellen. Denn sie selbst haben die studentische Selbstverwaltung und ihre Facetten nie miterlebt und scheuen sich vielleicht vor dem ersten Kontakt oder einer eher unbestimmten Initiativbewerbung.

Ähnliche Erfahrungen machte auch Joshua M. Hencke, Vorstandsmitglied und Head of Advocacy and Administration bei CLUB Meetup Cologne (CMC). „Initiativen, wie dem World Business Dialogue, fehlt aktuell der direkte persönliche Kontakt zu den Studierenden, sodass die Akquise neuer Mitglieder deutlich erschwert ist.“, berichtet er. „Früher konnte man einfach Goodie Bags auf dem Campus verteilen und so in Kontakt treten, heute fehlt die persönliche Note.“ Natürlich ist an der beschleunigten Digitalisierung nicht alles schlecht, so können Initiativen beispielsweise Meetings effizienter gestalten oder Reisewege ersetzen. Perspektivisch wird sich laut Hencke eine hybride Lösung entwickeln: Die Koordination findet weiterhin online statt, vor Ort soll sich aber auch wieder eine direkte Kommunikation etablieren und durch Events und Treffen so zwischenmenschliche Kontakte ermöglichen.

Lärm machen!

Ehrenämter müssen laut werden und ihre Präsenz und Anliegen verstärkt in die (digitale) Öffentlichkeit tragen. Nur so können Schnittstellen geschaffen werden, in denen Raum für Austausch und Wandel mit neuen Gesichtern und frischen Ideen bleibt. 

Darüber hinaus sollten gerade Studierende der ersten Semester bewusst den Kontakt suchen: Ihr lernt nicht nur spannende Gremien und Persönlichkeiten kennen, sondern könnt euch auch in neuen Disziplinen ausprobieren, euer studentisches Netzwerk erweitern und ganz nebenbei den eigenen Lebenslauf aufpolieren.

 

Simon Pycha

Simon Pycha

Autor, Social Media

Simon studiert Data Science, hat aber schon einen Bachelor in Linguistik. Er verwaltet unsere Social-Media-Präsenz und ist für die Kommu­nikation nach außen verantwortlich. Somit ist er Ansprechpartner für Gäst:innen­beiträge, freie Mitarbeitende und Leser:innen­briefe. Er bereichert das Team aber vor allem mit seinen eigenen redaktionellen Fähig­keiten, die nicht nur in akkuraTH, sondern auch im t3n Magazin und bei pressrelations erschienen sind. Darüber hinaus ist er Mitglied der Jugend­presse Rheinland und Teamer der Mobilen Medien­akademie. Er ist Chef­redakteur der Herzen.

Kontakt: simon@akkurath.com

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