digitaler gesangsunterricht – erfahrungsbericht – februar 2021

was ist mit uns passiert?

Kontaktverbot, Ausgangssperre, eingeschränkte Bewegungsfreiheit und nicht zuletzt die Hochschulschließungen: zunächst fielen wir alle – Studierende wie Lehrende – in eine Art Schockstarre! Mittlerweile gehören Zoom, Webex und diverse anderen virtuelle Kommunikations-Plattformen bereits zu unserem Alltag wie früher das Email-Schreiben. Über die endlosen Datenschutzdebatten in diesem Zusammenhang möchte ich mich hier lieber beredt ausschweigen. Wir haben inzwischen Mikrofone und Interfaces gekauft, uns mit Software beschäftigt und diesbezüglich eifrig fortgebildet. Die anfängliche Skepsis ist einer – freilich häufig mühsamen – Routine gewichen. Doch die bange Frage bleibt: „Wie lange noch?“. – Und wir warten und warten und warten auf eine Antwort.

situationsbeschreibung

Gesangsunterricht per Zoom? Stellen Sie sich das bitte konkret vor! Lehrer und Schüler starren gebannt in einen Bildschirm und versuchen, einander akustisch wie visuell wahrzunehmen. Alltägliche Schwankungen, was die Internetqualität betrifft, lassen das Ganze immer mal wieder zu einer Realsatire mutieren. Meist waren die Verbindungen nach Peking, wohin sich einer meiner chinesischen Studierenden aus Angst vor den europäischen – aus seiner Sicht – Nicht–Maßnahmen geflüchtet hatte, besser als die innerhalb von Graz. Und am liebsten wäre es mir gewesen, wenn alle Studierenden nach Seoul geflogen wären, denn dort scheint es das beste Netz überhaupt zu geben.

Wie oft habe ich in den vergangenen Monaten gedacht: „Wäre ich doch nur ein Musikhistoriker! Dann könnte ich jetzt problemlos meine Vorlesungen und Seminare per Streaming halten…“ – Bin ich aber leider nicht.

Also: Man baut seine beiden Laptops auf (einen für Zoom, den anderen für die Noten, die die Studierenden einem hoffentlich rechtzeitig geschickt haben). Alles wird auf den heimischen Flügel gestellt. Dann geht es los! – Ein Novum: Ich sehe erstmalig, wie meine Studierenden hausen. Plötzlich bekomme ich ein reales Bild ihrer Lebenswirklichkeit, sehe Privates, mitunter vielleicht allzu Privates. Das war einer der Gründe, warum ich bereits im April 20 ein Crowdfunding für Gesangsstudierende meiner Kunstuniversität ins Leben gerufen habe: ‚Future for KUG Voices‘. Ihre sozialen Probleme wurden – verstärkt durch Zoom – offensichtlich; und dies nicht nur für mich. Wir haben innerhalb eines Monats über 17.000 € sammeln und mit Hilfe der Österreichischen Hochschüler:innenschaft verteilen können. 

was geht? 

Das hängt natürlich vom einzelnen Studierenden und seinen/ihren aktuellen Bedürfnissen ab. Man muss täglich individuelle Antworten finden. Und mitunter kommt ein Lehrender auch an die eigenen Grenzen: Viele Kolleg:innen klagen über Kopfschmerzen, Rückenprobleme etc. – ich auch! Es ist einfach nicht gut für einen Sängerkörper, fünf oder sechs Stunden lang täglich vor den Bildschirmen zu sitzen, manchmal auch eher zu hängen.

Relativ problemlos kann man als Gesangsprofessor:in

  • Repertoireaufgaben stellen
  • über Stilistik, Phrasierung, Artikulation, Tempofragen anhand von exemplarischen Interpretationen (Youtube macht’s möglich!) diskutieren
  • die eigenen Interpretationen der Studierenden (Aufnahmen mit Whatsapp und Karaoke z.B.) diskutieren
  • Interpretationsvergleiche bzw. -analysen anhand von exemplarischen Interpretationen (Youtube again!) anstellen
  • geistesgeschichtliche Hintergründe von exemplarischen Vokalwerken diskutieren und erläutern
  • professionelle Bewerbungsunterlagen erstellen
  • Gespräche über Karriereplanung führen
  • Aussprache-Training betreiben
  • Gespräche über das Verhältnis von Klang und Wort bzw. Komposition (Komponisten) und literarischer Vorlage (Dichter, Librettisten) führen
  • beratende Gespräche zu den schriftlichen Bachelor- bzw. Masterarbeiten führen
  • den mündlichen Teil der Masterprüfungen praktisch wie konzeptionell vorbereiten
  • über Ausbildungsfragen, die im normalen Unterrichtsbetrieb oft zu kurz kommen, diskutieren.

Schwieriger wird es aber, wenn man zu den obligatorischen stimmbezogenen Übungen kommt! Am ehesten klappt es noch mit der Arbeit am Klang. Doch gehört dazu auch konstitutiv Atem- und Körperarbeit. Und das ist schwierig, besonders bei Anfängern! 

Was geht nicht?

Lehrende können die Studierenden nicht ausreichend sehen. Dies kann zu elementaren Fehleinschätzungen führen, was die Körperhaltung und wichtige muskuläre Prozesse beim Singen betrifft.

Auch Atemvorgänge lassen sich nur teilweise wahrnehmen. 

Physische Präsenz ist gerade beim Singen bzw. beim Erlernen des professionellen Singens enorm wichtig. Mitunter bedarf es der direkten Kontrolle ‚am Studierenden‘, um als Lehrender an der richtigen Stelle einzugreifen, bedenkliche Angewohnheiten zu unterbinden. Man sieht beim digitalen Unterricht nie das gesamte ‚Gegenüber‘. Noch weniger kann man einander spüren, was ja gerade beim Singen so wichtig ist, wo der eigene Körper und die eigene Seele doch das Musikinstrument sind. Kontrolle durch direkte Wahrnehmung, Spüren des Gegenübers, Anfassen der Rippen, des Nackens, des Rückens: fällt alles aus! Auch der mimetische Prozess (richtig oder falsch vorsingen bzw. imitieren) funktioniert oft nicht bzw. kann zu falschen Reaktionen führen. Gutes Singen erfolgreich zu lehren basiert darauf, physische und psychische Lernprozesse anzustoßen. 

Meine langjährige Erfahrung hat mir gezeigt, dass besonders die so wichtige emotionale (oder seelische) Ebene beim ‚Distance Learning‘ kaum erreichbar ist, denn dafür ist die reale Begegnung zwischen Studierendem und Lehrendem notwendig. Noch dazu erreichen Musiker (i.e. junge Sänger:innen) diese Ebene natürlich oft erst durch die Musik selbst bzw. durch die Arbeit am musikalischen Repertoire. Das heißt: Das Musizieren selbst bzw. die gemeinsame Arbeit an den musikalischen Werken, ist für viele Studierende die Voraussetzung dafür, diese Emotions-Ebene erreichen zu können bzw. auf ihr durch den Lehrenden erreichbar zu werden. Dazu braucht man aber die Klavier- bzw. Orchesterbegleitung, was beim ‚Distance learning‘ leider nicht möglich ist.

Ein weiteres Problemfeld: Fast alle Töne, die höher als das ‚zweigestrichene F‘ liegen, kann man derzeit nur verzerrt hören. Die Arbeit mit hohen Koloratursopranen führt so mitunter zu Kopfschmerzattacken! – Sowohl Oberklänge als auch tiefe Schwingungen werden fehlerhaft übertragen. Man kann sie nicht wirklich korrekt beurteilen! Schmerzhaft ist es in diesem Zusammenhang zu wissen, dass eine qualitativ befriedigende Übertragung technisch durchaus möglich wäre. Es fehlt Lehrenden und Studierenden aber leider die dafür nötige technische Ausrüstung…

Und noch problematischer sieht es aus, wenn es um die interpretatorische Arbeit geht. Wie will man an der Tamino-Arie ohne Klavierbegleitung arbeiten? Oder an einem Lied aus Schuberts ‚Winterreise‘? Eines der Riesen-Probleme beim Distance-Learning, wenn es um Musik geht, stellt bisher die zeitliche Verzögerung bei der Audio- und Videoübertragung dar. Ich schlage einen Akkord auf dem Klavier an, aber die Studierenden hören diesen Akkord erst eine oder zwei Sekunden später. Diese sogenannte Latenzzeit verhindert, dass man via Zoom synchron miteinander musizieren bzw. an der jeweiligen Interpretation arbeiten kann. Auch hören die Studierenden, während sie singen, natürlich nicht, wie ich das Instrument anschlage. Die akustische Übertragung durch das Mikrofon im Computer ist dafür viel zu leise; denn wenn man singt, resoniert ja der ganze eigene Körper: man hört primär sich selbst! Also müssten die Studierenden einen Kopfhörer aufsetzen, um mein Klavierspiel zu hören. Das aber würde wiederum die eigene sängerische Resonanzwahrnehmung beträchtlich stören.

Was bleibt? Die Feinarbeit an einzelnen Phrasen: Da reicht es meist, wenn ich den jeweiligen Ausgangston durchs Netz schicke. Klanggebung, Accelerandi, Ritardandi, Phrasierung, Intonation: daran kann auf diese Weise sinnvoll gearbeitet werden; aber eben nur häppchenweise!

corona positiv denken?

Und dann gab es neulich folgende ‚unerhörte Begebenheit‘: eine meiner Studierenden hatte gerade ihr Masterkonzert gesungen im wunderschönen historischen Kammermusiksaal unserer Hochschule: vor gerade mal sechs Zuhörer:innen. Die musikalisch-interpretatorische und klangliche Qualität dieser Prüfung überraschte mich positiv. Ich hatte die Studentin im Winter- und Sommersemester aus den bekannten Gründen nur ein paar Mal ‚analog‘ unterrichten können. Fast alle Gesangsstunden fanden per Zoom statt. –  Wir trafen uns nach der ‚Notenverkündigung‘ draußen vor dem Gebäude in klirrender Kälte. Die Sopranistin schaut mich an und sagt: „Lieber Herr Professor! Für mich war Corona ein Segen!“ Ich (ziemlich irritiert): „Wie meinen Sie das?“ Sie: „Nie zuvor habe ich so konzentriert und nur auf meine Gesangstechnik fokussiert studiert. Alles drehte sich in diesen letzten Monaten nur um meinen Gesangsunterricht. Ich musste ja keine anderen Vorlesungen, Seminare, Übungen besuchen in dieser Zeit.“ Coronaseidank hatte sie sich also so enorm verbessern können? – Was sagt uns das über unsere vollgestopften Curricula? 

Ich weiß nicht, ob ich mit dieser ironischen Frage aufhören soll. Vielleicht lieber so:

Die Erfahrung der Studentin zeigt, dass wir das Curriculum durchforsten und von manchem Ballast befreien müssten. Das scheint eine der Lehren aus der Corona-Zeit zu sein. Alle Studierenden sollten in – hoffentlich – besseren Jahren die Chance bekommen, ihren Gesang (nicht nur im Examensjahr!) entscheidend verbessern zu können.

Was müssen wir jetzt tun?

Was die rein technische Seite des digitalen Unterrichts betrifft: Beide Seiten (Lehrende wie Studierende) müssen über Mikrofone von einer gewissen Qualität verfügen, was nicht vorausgesetzt werden kann. Die Hochschulen versuchen teilweise zu helfen, aber nicht in ausreichendem Maße.

Die Übertragungsqualität der Internetverbindung muss gut sein. Hier zeigen sich politische Versäumnisse der letzten 10 Jahre.

Man braucht geduldige Nachbarn!

Flexibilität und Offenheit für neue Wege ist im dritten Semester ‚post Coronam‘ in vielerlei Hinsicht gefragt! Natürlich auch, wenn es um die Prüfungen und die Anerkennung von Studienleistungen geht. In dieser Hinsicht hat sich allerdings viel Positives getan in den letzten Monaten: mental wie praktisch. Wir haben bessere Übertragungsmöglichkeiten (Streaming) von Prüfungskonzerten. Und wir haben gelernt, in den Kommissionen digital erfolgreich miteinander zu kommunizieren.

Aber schon lange müssten den Lehrenden und Studierenden auch praktikable und qualitativ gute Ausrüstungen für eigene Aufnahmen in der Hochschule zur Verfügung stehen. Bewerbungen für Vorsingen, Agenturen, Wettbewerbe: alles hat sich ja in den letzten Monaten ins Netz verlagert. Die Studierenden müssen optisch wie akustisch hochwertige Aufnahmen von sich machen können! Solche regelmäßig herzustellenden Aufnahmen wären auch wichtig für ein permanentes Selbstwahrnehmungstraining und sollten außerdem als Teil eines sinnvollen ‚Distance Learnings‘ mit den Lehrenden diskutiert werden. In dieser Hinsicht ist viel zu wenig vorangegangen im vergangenen Corona-Jahr. 

Seit Monaten weiß man, dass beim Sprechen im Vergleich zum Atmen die fünffache Menge an Aerosolen abgegeben wird; und dass es beim Singen sogar 30-mal mehr sind!! Entscheidend für die Infektionsgefahr sind natürlich außerdem die Raumgröße, die Anzahl der Personen im Zimmer sowie der Luftaustausch. Das Virus überträgt sich nachweislich über Aerosole (feinste Tröpfchen, die erschreckend lange in der Luft schweben). Gutgemeinte Plexiglasscheiben (zwischen Lehrenden und Studierenden aufgestellt) sind im Gesangsunterricht völlig sinnfrei: sie können Aerosole kaum am Fliegen hindern. – Wirksame Schutzmaßnahmen für die extrem gefährdeten Studierenden und Lehrenden im Bereich Gesang bzw. Schauspiel gibt es aber: Tägliche Schnelltests und verbindliche sinnvolle Hygienemaßnahmen helfen. Auch Luftfilter sollten dringend in den Unterrichtsräumen eingebaut werden. Dass durch das zuständige Ministerium und innerhalb der Hochschulen keine Priorisierung nach Gefährdungslage stattgefunden hat und stattfindet, ist unverständlich. Insbesondere müsste dringend dafür gesorgt bzw. gekämpft werden, dass die am meisten gefährdete Personengruppe in den Musikhochschulen möglichst bald geimpft wird. Dies entspräche der diesbezüglichen Vorgehensweise, was die Gesamtbevölkerung betrifft.

Prof. Dr. Ulf Bästlein

Prof. Dr. Ulf Bästlein

Professor für Gesang an der Kunstuniversität Graz

Ulf Bästlein (*1959) hat Altphilologie, Germanistik und Gesang in Freiburg, Rom und Wien studiert. Seit 2002 ist er als Professor für Gesang an der Kunstuniversität Graz tätig, tritt weiterhin als Liedsänger auf und publiziert außerdem, v.a. zum deutschen Lied im 19. Jahrhundert.

Pin It on Pinterest

Share This