das Lied der vergessenen: wie studierende in der krise übergangen werden

ein beitrag aus tagesaktuelles
vom 18.01.2021
Verfasst von Elisabet Bästlein

Eskortiert von einer Polizeiflotte, zum Soundtrack von Protestbands wie Kraftklub, bewaffnet mit Megafonen, Trillerpfeifen, Transparenten und Plakaten lieferten sich am Samstag, den 20. Juni, in der Berliner Innenstadt etwa 250 Studierende aus ganz Deutschland einen erbitterten Kampf gegen das feuchte Wetter und die schadhafte Lethargie der Bundesregierung.

Nicht zuletzt wegen des anhaltenden Starkregens, aber auch wegen der deutlich geringer als erwartet ausgefallenen Zahl an Protestteilnehmenden glich die Großdemonstration am Samstag einem Trauerzug. Wo bleibt die Exzellenz, der sich unsere Bundesrepublik über Jahrzehnte hinweg rühmen durfte, Frau Karliczek? Die Studierenden sind der Kundgebung nicht ferngeblieben, weil sie keine Hilfe brauchen, sondern weil sie sich dem Infektionsrisiko nicht aussetzen können, weil sie sich die Reise nach Berlin nicht leisten können, weil sie bereits in Not sind und weil viele resigniert haben.

Demo 20.06.2020

Es sind über 6000 Euro ausgegeben worden, um die Demonstration zu finanzieren. Maßgeblich unterstützt wurden die Studierenden von den Fachschaftsräten der repräsentierten Hochschulen, der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW), des studentischen Dachverbandes (fzs) sowie der Partei „Die Linke“. Unter anderem sprach Nicole Gohlke (MdB) den Studierenden öffentlich ihre Unterstützung aus und stellte sich gegen das Konzept von Bildungsministerin Karliczek. „Die Nothilfen des Bildungsministeriums spotten jeder Realität“, erklärte die Bundestagsabgeordnete, „wer die Rüstungsindustrie mit 10 Mrd. Euro fördert, aber für Wissenschaftler:innen keine Perspektive für sichere Arbeitsplätze bietet, der hat den politischen Kompass verloren und gehört nicht an diese Stelle.“

Die gesamte Veranstaltung schien ein letzter verzweifelter Versuch zu sein, Gehör zu finden, nachdem Petitionen, Briefe und Kommentare keine Wirkung gezeigt hatten.

Die Hauptkundgebung fand vor der juristischen Fakultät der Humboldt-Universität statt. Dort sprachen neben den Veranstalter:innen und den Studierenden auch die Hochschulgruppen der Jugendsozialdemokraten (JuSos), des sozialistisch-demokratischen Studierendenverbandes (SDS) und der Grüne Campus vor. Auch das Netzwerk für gute Arbeit in der Wissenschaft (NGAWiss) war anwesend und hat gesprochen, sodass sich die prekären befristet angestellten wissenschaftlichen Mitarbeiter:innen ebenfalls mit den Studierenden solidarisieren konnten.

Von den Vertreter:innen der Gewerkschaften und Fachschaften wurden Lösungsvorschläge gebracht, die von der Öffnung des Bafögs bis zur Einrichtung von Nothilfefonds und Arbeitslosengeld II für Studierende reichten.

„Der Zugriff auf Bildung ist ein Menschenrecht und sollte keine Frage des Geldes sein“, sagte ein Vertreter der Humboldt-Universität Berlin.

Jede:r Studierende weiß, dass das Aufschieben von Dingen nicht unbedingt nachhaltig irgendetwas verbessert. Aber die bisherigen Maßnahmen sind, wenn überhaupt, nur eine Aufschiebung des finanziellen Bankrotts der Studierenden von heute – und damit der Wissenschaftler:innen von morgen.

Alles dient dazu, das System zu schützen, ein System, in dem duale Studierende, Studierende mit Kindern oder Sorgeaufgaben, Studierende aus dem Ausland und beeinträchtigte Studierende jetzt schon keinen Platz haben. (Siehe dazu auch den Artikel der taz.)

Aber, liebe Bundesregierung, was macht dieses System, das hier so verzweifelt geschützt werden soll, in ein paar Jahren, nach der Krise, mit den hunderttausenden traumatisierten Studienabbrecher:innen, die pathologische Existenzängste, Depressionen und Sozialphobie haben, nicht arbeiten können, hoch verschuldet sind und nicht einmal Rentenanspruch haben? Was macht das System mit den geflüchteten Studierenden, die nicht zurück in ihre Heimat können, aber in Deutschland durch die Krise ihre Existenzgrundlage vollständig verloren haben?

Mir als Naturwissenschaftlerin drängt sich aber noch eine andere Frage auf: Wenn unserer Generation der Zugang zur Bildung verbaut wird, wer wird die neuen Impfstoffe entwickeln, herstellen und testen? Wer rettet uns bei der nächsten Welle, was passiert, wenn das Virus wie jedes andere mutiert und die bisherigen Maßnahmen unwirksam sind? Wer wird da sein? Frau Karliczek, wenn das so weitergeht, dann ist bei der nächsten Welle niemand mehr übrig

Elisabet Bästlein

Elisabet Bästlein

Redaktionsleitung

Elisabet versuchte einige Jahre lang vergeblich, ihr Studium der pharmazeutischen Chemie zu beenden. Heute arbeitet sie als Content-Managerin für ein Unternehmen in Bonn. Vor ihrer Studien­zeit war sie als freie Journalistin in der Kreis­redaktion Nord­friesland des Schleswig-Holsteinischen Zeitungs­verlages (sh:z) tätig.

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